Emotionale Abhängigkeit: Wenn Beziehungen einseitig werden

Am Totensonntag haben viele Menschen ihrer Verstorbenen gedacht. Ein wichtiger Tag – wir sind nicht allein in unserer Trauer, und unsere Beziehungen enden nicht mit dem Tod. Heute möchte ich den Blick jedoch auf etwas anderes richten: auf Beziehungen, in denen beide Menschen leben – und die trotzdem keine Lebendigkeit mehr haben.

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Am Totensonntag haben viele Menschen ihrer Verstorbenen gedacht. Ein wichtiger Tag – auch wenn Erinnern und Verbundenheit für viele jeden Tag stattfinden. Doch ein gemeinsamer Rahmen kann Trost spenden. Er zeigt uns: Wir sind nicht allein in unserer Trauer, und unsere Beziehungen enden nicht mit dem Tod. Ich bin überzeugt, dass wir auch die Verbindung zu Verstorbenen gestalten dürfen. Diese Beziehungen sind nicht einseitig: Erinnerungen, innere Dialoge, Zeichen – all das kann Kraft geben und Halt spenden. Der Schmerz geht vielleicht nie ganz, aber die Beziehung bleibt lebendig in uns.

Heute möchte ich den Blick jedoch auf etwas anderes richten:
auf Beziehungen, in denen beide Menschen leben – und die trotzdem keine Lebendigkeit mehr haben.
Beziehungen, die sich einseitig anfühlen.
Beziehungen, an denen eine Seite festhält, obwohl nichts mehr zurückkommt und die dadurch häufig in eine einseitige, emotionale Abhängigkeit führen.

Wenn Beziehungen zwar leben – aber nicht mehr lebendig sind

Wir wissen alle, dass unser Leben endlich ist. Und wir wissen auch, wie schmerzhaft es ist, jemanden zu verlieren, der uns viel bedeutet.
Gerade deshalb erinnert uns Endlichkeit daran, wem wir Zeit schenken wollen.

Manchmal zeigt sich dabei etwas anderes:
dass manche Beziehungen längst keine Gegenseitigkeit mehr haben.
Dass wir uns bemühen, investieren, nachfragen – und auf der anderen Seite nur Schweigen, Distanz oder „keine Zeit“ bleibt.

Tote Beziehungen“ – so nenne ich Verbindungen, die zwar existieren, aber nicht mehr von beiden Seiten gehalten werden.

Und das kann ganz unterschiedliche Formen annehmen:

Das können zum Beispiel zwei Freunde sein, die sich seit Kindertagen kennen – doch einer zieht sich immer mehr zurück, während der andere noch an der alten Nähe festhält.
Oder eine Mutter, die sich nach ihrer erwachsenen Tochter sehnt, während die Tochter aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen nur noch Abstand braucht.
Oder eine Frau, die an einer Partnerschaft festhält, obwohl ihr Partner innerlich längst gegangen ist.

Solche Konstellationen fühlen sich oft schmerzhaft einseitig an –  bringen uns an unsere Grenzen und können emotional abhängig machen, wenn daran zwanghaft festgehalten wird

Wo emotionale Abhängigkeit beginnt

Oft bleiben Menschen in solchen einseitigen Beziehungen, weil sich etwas in ihnen fast nach emotionaler Abhängigkeit anfühlt:

  • der Wunsch, gesehen zu werden
  • die Hoffnung, dass sich der andere doch noch meldet
  • das Festhalten an früher
  • das Gefühl, ohne diese Person wertlos zu sein
  • die Angst vor endgültigem Verlust

Emotionale Abhängigkeit bedeutet nicht, dass etwas „falsch“ mit dir ist.
Emotionale Abhängigkeit entsteht dort, wo wir viel Bedeutung empfinden – und den Verlust kaum ertragen könnten.

Woran du erkennst, dass eine Beziehung „abgestorben“ ist

Eine Beziehung verliert Lebendigkeit, wenn:

  • du immer die einzige Person bist, die Kontakt initiiert
  • deine Nachrichten unbeantwortet bleiben
  • Verbindlichkeit ausbleibt
  • Vertrauen fehlt
  • Treffen immer wieder verschoben werden und keine Priorität haben
  • du mehr Schmerz als Freude  – auch beim Gegenüber – spürst
  • du dich klein machst, um die Verbindung zu halten

Das ist kein Scheitern.
Das ist ein Hinweis.

Eine Beziehung lebt dann, wenn du sie nicht allein tragen musst – sondern wenn auch etwas von der anderen Seite zurückkommt.

Warum Loslassen auch Liebe zu dir selbst ist

Loslassen heißt nicht, dass die Beziehung bedeutungslos war.
Es heißt auch nicht, dass du „zu sensibel“ bist.

Loslassen bedeutet:

  • Ich achte auf das, was mir guttut.
  • Ich gehe dorthin, wo Nähe erwidert wird.
  • Ich muss nicht kämpfen, um wichtig zu sein.
  • Ich darf Frieden schließen, auch ohne Abschlussgespräch.

Viele Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie eine Beziehung innerlich beenden.
Doch oft ist es ein Akt von Selbstfürsorge –
eine Entscheidung für Kraft statt Erschöpfung.

Was bleibt, wenn wir loslassen?

Es bleibt Traurigkeit, ja.
Aber auch Klarheit.

Es bleibt die Erkenntnis:
Wir dürfen Beziehungen wählen, die warm, spürbar und gegenseitig sind.

Und es bleibt die Freiheit, Beziehungen loszulassen, die uns in (einseitige) emotionale Abhängigkeit bringen und nicht mehr berühren. Indem wir sie gehen lassen, entsteht Raum für Menschen und Verbindungen, die uns gedanklich frei lassen, uns wirklich bewegen und uns regelmäßig gute, bedeutsame Momente schenken.

Über die Autorin

Ich bin Uta und begleite als Psychologin Menschen in schmerzhaften Zeiten und auch in emotionalen Abhängigkeiten, von denen sie sich selbst schwer lösen können.
Wenn du meine Unterstützung möchtest, melde dich gern über das Kontaktformular oder buch dir hier ein unverbindliches Kennenlerngespräch.

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