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Gesellschaftliche Normen durchbrechen
Gesellschaftliche Normen durchbrechen
12 Januar

Unsere Gesellschaft gibt uns einen Rahmen vor. Was ist akzeptabel, was ist „richtiges“ Verhalten, um in diesem Rahmen im Einvernehmen – und teilweise auch ohne Worte – miteinander umzugehen. Das ist in vielen Bereichen sehr gut und hilfreich. Aber es gibt auch persönliche, innere Angelegenheiten, wo diese (oft alteingesessenen, gesellschaftlichen Konventionen) für Enge und Beklemmung sorgen.

Beim Thema Trauer wird mir dies immer sehr stark deutlich. Wie oft höre ich Fragen wie:

  • „Ist es in Ordnung, wenn ich mich von bestimmten Dingen meines Mannes trenne – auch wenn ihm das so wichtig war?“
  • „Kann ich mich für meine Prioritäten entscheiden oder sollte ich lieber meine regelmäßigen Termine als Oma wahrnehmen?“
  • „Die haben richtig gelacht und das obwohl sie doch gerade den Bruder verloren haben.“
  • „Sollte ich zu dieser Veranstaltung gehen? Was, wenn mich die anderen meiden, weil sie nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen?“

Unser Zusammenleben ist komplex. Es ist uns in vielerlei Hinsicht nicht egal, was das Gegenüber von oder über uns denkt, auch wenn wir darauf keinen direkten Einfluss haben – auch nicht, wenn wir uns vermeintlich gesellschaftlich „korrekt“ verhalten und ein Jahr in Trauer leben.

Sie merken schon: Als Coach hinterfrage ich gesellschaftliche Konventionen und feste Annahmen. Sie kommen oft aus einer Zeit vor meiner Zeit und dieses unbeschriebene Regelwerk führt nicht unbedingt zum Wohlergehen des Einzelnen in der jeweiligen persönlichen Situation.

Umso entsetzter reagieren meine Klienten, wenn ich – bewusst provozierend – zur allgemeinen Konvention entgegengesetzte Verhaltensweisen anspreche. „Das kann ich doch nicht machen!“

  • „Wirklich? Können Sie nicht?
  • „Wird es leichter, wenn Sie sich viel später von den Dingen trennen, die Sie jetzt schon nicht mehr wollen?“ – Vermutlich nicht.
  • „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie immer hinter ihren Enkeln her rennen, anstatt ihre Freundschaften zu pflegen und ihr eigenes Leben zu leben?“
  • „Wie können Sie auf andere zugehen, wenn Sie das Gefühl haben, gemieden zu werden?“

Letztendlich sind wir in solchen Fragen nur einem unterworfen: uns selbst.
Wie ist es für uns, wenn wir aus der „Norm“ ausbrechen? Aus dem, was sich „gehört“?

Meine Oma hat zu Lebzeiten schon früh erkannt, dass ich mir aus manchem, was ich tun oder lassen sollte, nichts mache. Gesagt hat sie mir das direkt nie. Sie hat es anderen erzählt, weil sie sich rückversichern wollte, vielleicht auch bestärkt sehen wollte, dass sowas doch nicht geht. Von einer engen Vertrauten hat sie zu hören bekommen, dass die Zeiten sich geändert haben. Junge Frauen machen das heute anders. Auch wenn sie es selbst vermutlich nicht für gut befunden hat, hat sie früher auch sehr unter Konventionen gelitten. Vielleicht hat sie sich deshalb indirekt sogar darüber gefreut.

Warum können wir vieles nicht anders machen, wenn uns danach ist und es sich für uns richtig anfühlt? Warum kümmert uns überhaupt, was der Nachbar etc. von uns denken wird?
Ich habe schon oft erlebt, dass die, die sich zum Durchbrechen der Norm bewusst entschieden haben, auch Anerkennung für ihren Mut erfahren haben. Durch Rückmeldungen und Aussagen wie „Das hätte ich mich nicht getraut, aber du hast recht.“
Deshalb bin ich der Überzeugung, dass nur auf diese Weise, indem wir innerlich „übertreten“, was eigentlich fest verankert ist, Vielfalt im Verhalten entstehen kann, weil andere sehen, was möglich ist – wenn es nur mal eine(r) anders, außerhalb der Norm oder Konvention – macht.

Vor allem für schwere, persönliche Zeiten der Trauer deshalb mein Plädoyer für mehr Rücksicht auf das eigene Gewissen, das eigene Wohlbefinden und weniger Zeit auf die Gedanken und Meinungen anderer geben – die wir sowieso nicht beeinflussen können.

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