Ich schaue zur Zeit die letzte Staffel Babylon Berlin. Die vergangenen Staffeln, die in den Goldenen Zwanzigern spielen, haben bei mir trotz aller Dramatik auch viel Positives ausgelöst.
Ganz anders ist es mit der letzten Staffel. Sie spielt Anfang der 1930er-Jahre und handelt von einer Zeit, in der die Nationalsozialisten immer mehr an die Macht kamen.
Ich möchte hier nichts von der Handlung verraten, aber ich merke beim Schauen immer wieder: Das macht etwas mit mir.
Ich spüre Beklemmung, Abstoßung und auch eine Form von leichter Ohnmacht.
Mir ist natürlich bewusst, dass es eine Serie ist. Und doch sind die Willkür und die Ungerechtigkeit, die darin gezeigt werden, nicht einfach nur Fiktion.
Wenn ich sonst Filme oder Serien schaue, dann weiß ich: Es ist ein Film. Irgendwie wird sich die Geschichte am Ende auflösen, vielleicht sogar gut ausgehen.
Hier weiß ich – ohne bisher das Ende der Staffel zu kennen: Diese Geschichte ist alles andere als gut ausgegangen.
Nach der ersten Folge habe ich mich deshalb gefragt, ob ich überhaupt weiterschauen möchte. Aber ich will mich dem, was war, auch nicht verschließen, nur weil es für mich heute unangenehm ist, es anzusehen.
Da sind also diese unangenehmen Gefühle, mit denen mich die Serie gerade nach jeder Folge zurücklässt. Und ich habe mich gefragt: Wohin damit?
Denn eigentlich gibt es nichts zu lösen. Ich kann nicht ändern, was geschehen ist. Ich kann das Gesehene nicht ungeschehen machen. Und ich möchte auch nicht einfach wegschauen, damit es mir anschließend wieder besser geht.
Für mich habe ich einen anderen Weg gefunden.
Nach jeder Folge denke ich an meine beiden Opas.
Beide waren im Krieg und haben die Gräueltaten dieser Zeit erlebt. Einer meiner Opas war Sanitäter. Ich frage mich manchmal, was er alles gesehen haben muss.
Und ich denke an noch jemanden.
Mein Opa hatte einen besten Freund: seinen Cousin Edgar. Edgar war ein wirklich hübscher Mann, wie ich auf einem Bild in einem alten Fotoalbum gesehen habe.
Ich habe Edgar nie kennengelernt. Er hat den Krieg nicht überlebt, ist in seinen 20ern gefallen. Eine eigene Familie konnte er nicht mehr gründen.
Und so denke ich inzwischen nach diesen Folgen auch an ihn. An Edgar – und stellvertretend an all diejenigen, die nicht mehr nach Hause kamen. Die nicht nur ihr Leben verloren, sondern auch ihrer Zukunft beraubt wurden.
An Menschen, deren Namen heute vielleicht niemand mehr nennt.
Und während ich darüber nachgedacht habe, ist mir etwas aufgefallen: Ich habe damit eigentlich gar nichts gegen diese Gefühle getan.
Die Beklemmung ist dadurch nicht plötzlich verschwunden. Ich finde das Gesehene nicht weniger schlimm. Und natürlich kann ich nicht ändern, was damals geschehen ist.
Aber ich habe diesen Gefühlen Raum gegeben.
Wenn wir darüber sprechen, wie wir mit unangenehmen Gefühlen umgehen können, geht es häufig darum, was wir tun können, damit es uns wieder besser geht. Wir wollen Gefühle regulieren, verarbeiten oder irgendwann hinter uns lassen.
Und natürlich gibt es Situationen, in denen genau das hilfreich ist.
Aber vielleicht müssen wir mit einem unangenehmen Gefühl nicht immer sofort etwas „machen“. Und vielleicht muss es auch nicht möglichst schnell verschwinden.
Manchmal können wir zunächst einfach wahrnehmen, dass es da ist, und uns fragen:
Warum berührt mich das gerade so?
Und was sagt mir dieses Gefühl vielleicht darüber, was für mich von Bedeutung ist?
Bei mir ist daraus Erinnerung geworden.
Und noch etwas anderes.
Wenn ich an meine Opas und an Edgar denke, merke ich, dass hinter meiner Beklemmung und meiner Abstoßung auch etwas liegt, das sehr viel mit meinen eigenen Werten zu tun hat.
Ich denke daran, wie froh und dankbar ich bin, heute in Freiheit leben zu dürfen.
In einem Land, in dem Menschen Rechte haben. In dem staatliches Handeln an Recht gebunden ist. In dem ich meine Meinung äußern, Entscheidungen für mein eigenes Leben treffen und meinen Alltag weitgehend selbstbestimmt gestalten kann.
Vieles davon nehmen wir im Alltag ganz selbstverständlich hin. Vielleicht muss das sogar ein Stück weit so sein. Wir können schließlich nicht jeden Morgen aufstehen und uns bewusst machen, welche Freiheiten wir gerade genießen.
Beim Anschauen dieser Szenen in der Serie merke ich aber wieder, wie wenig selbstverständlich all das eigentlich ist.
Und auch das gehört für mich zu den Gefühlen, die diese Serie auslöst: der Wunsch, dass Menschen nie wieder erleben müssen, was Menschen damals erlebt haben. Dass Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit und ein Leben ohne Willkür Dinge sind, deren Wert wir nicht vergessen sollten.
Meine Beklemmung verschwindet dadurch nicht. Ich mache aus etwas Schrecklichem auch nichts Positives, aber das Gefühl erinnert mich an etwas.
An Menschen, die vor mir gelebt haben und deren Leben durch diese Zeit geprägt oder beendet wurde.
Und an das, was mir in dem Leben, das ich heute führen darf, wichtig ist.
Vielleicht ist genau das eine Möglichkeit, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen: nicht sofort danach zu suchen, wie wir sie wieder loswerden, sondern ihnen zunächst Raum zu geben.
Das bedeutet nicht, dass wir bewusst an unangenehmen Gefühlen festhalten oder uns immer wieder Situationen aussetzen müssen, die uns belasten. Natürlich dürfen wir auch entscheiden, dass uns etwas gerade zu viel ist und wir Abstand brauchen.
Unangenehme Gefühle können ganz unterschiedliche Reaktionen in uns auslösen und entsprechend unterschiedlich kann auch unser Umgang mit ihnen aussehen. In meinem Artikel über die Angst in meinem Kopf beschreibe ich ein anderes persönliches Beispiel dafür.
Aber wenn ein Gefühl nun einmal da ist, muss unsere erste Reaktion vielleicht nicht immer sein:
Wie bekomme ich das wieder weg?
Vielleicht können wir stattdessen fragen:
Was berührt dieses Gefühl in mir?
Warum berührt es mich?
Und was ist mir dabei wichtig?
Bei mir führt die Antwort gerade zu meinen beiden Opas und zu Edgar.
Zur Erinnerung an Menschen, die etwas erlebt haben, das ich mir kaum vorstellen kann.
Und gleichzeitig zu einer größeren Wertschätzung für etwas, das in meinem Alltag meistens einfach da ist, ohne dass ich viel darüber nachdenke: in Freiheit leben zu dürfen.
Vielleicht gibt es auch in deinem Alltag etwas, das Gefühle in dir auslöst, mit denen du nicht so recht weißt, wohin.
Das muss keine Fernsehserie sein. Vielleicht ist es etwas, das du hörst oder liest. Eine Begegnung, eine Erinnerung oder eine Nachricht. Etwas, das in deinem eigenen Leben gerade passiert oder passiert ist.
Nicht jedes unangenehme Gefühl lässt sich lösen und nicht jedes muss sofort verschwinden. Manchmal können wir es zunächst da sein lassen und schauen, was es in uns berührt.
Vielleicht steckt darin eine Erinnerung.
Vielleicht ein Mensch.
Vielleicht etwas, das wir verloren haben.
Vielleicht etwas, das wir schützen möchten.
Oder ein Wert, von dem wir plötzlich wieder merken, wie wichtig er uns eigentlich ist.
Nicht jedes Gefühl braucht eine Lösung.
Manchmal braucht es einfach Raum.
Ich bin Uta und begleite als Psychologin Menschen in schweren Zeiten und an persönlichen Wendepunkten – mit Klarheit und menschlicher Nähe.
Wenn du dir meine Unterstützung wünschst, buch dir hier gern ein unverbindliches Kennenlerngespräch.
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